Durch das Dammkar nach Mittenwald

Bepackt wie die Sherpas im Basiscamp vom Mount Everest standen wir auf dem Parkplatz in Mittenwald, direkt neben der wunderschönen Isar. Vor uns lag das steil ansteigende Karwendelgebirge. Die Köpfe weit in den Nacken gelegt, blickten wir hinauf zur Bergstation der Karwendelbahn. Das weiße Gebäude von Deutschlands zweithöchster Bergbahn sollte unser erstes Etappenziel werden. In 2244 m NHN erschien es bestenfalls wie ein Bauklötzchen, das ein Kind nach dem Spielen vergessen hatte. Hündin Paula interessierte die Aussicht herzlich wenig. Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit galt allein den »Pinkelbotschaften« ihrer bayerischen Artgenossen. Sie konnte ja nicht erahnen, was uns an diesem heißen Augusttag bevorstand.

Am Vortag waren wir eher zufällig mit dem Wohnmobil angereist. Auf unserer Tour entlang der »Deutschen Alpenstraße« weckte das überragende Bergmassiv des Karwendels unsere Aufmerksamkeit. Spontan beschlossen wir, Mittenwald als Domizil für unsere nächsten Exkursionen auszuwählen. In der Talstation der Karwendelbahn deckten wir uns mit Touristeninfos ein. Beim Abendessen überlegten wir, wie wir unseren ersten Tag im Karwendel verbringen werden. Zum Auftakt fiel die Entscheidung auf eine Bergwanderung durch das »Dammkar«. Wintersportler schätzen das Dammkar als die längste Freeride-Abfahrt Deutschlands.

Mit der Karwendelbahn hinauf zur Karwendelspitze

Die Morgensonne strahlte bereits am blauen Himmel über den Bergen. Der Wetterdienst verkündete bestes Sommerwetter mit Temperaturen über 30° C. Was in der Stadt unerträglich zu werden schien, versprach ideale Voraussetzungen für unser Abenteuer im Hochgebirge. Gespannt machten wir uns auf den Weg. Gleich mit der ersten Seilbahn ging es hinauf zur Bergstation. Auf ihrer 10-minütigen Fahrt ruckelte die Gondel an ihrer dicken Stahltrosse. Mit jedem Höhenmeter schrumpften unter uns die Häuser von Mittenwald auf Miniaturgröße. Um uns herum entfaltete sich die Aussicht über die Gebirgslandschaft. Für Paula war dies die erste Seilbahnfahrt in ihrem bisherigen Hundeleben. Nach 1311 m NHN erreichten wir die Bergstation am Rande der mittleren Karwendelgrube unterhalb der westlichen Karwendelspitze. Dort befindet sich auch das Naturinformationszentrum, welches in Form eines übergroßen Fernrohrs die Abbruchkante überragt.

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Überwältigende Aussicht auf die Berglandschaft

Von der Bergstation aus folgten wir dem »Passamani Panoramaweg« hinauf an den oberen Rand der »Karwendelgrube« auf rund 2300 m NHN. Dort verläuft die Grenze zwischen Deutschland und Österreich. Der Passamani Panoramaweg offenbarte uns eine atemberaubende Aussicht auf die Hochgebirgslandschaft des Karwendels und des Wettersteingebirges bis hinüber zur Zugspitze. Im Tal schimmerten die Isar und waldumsäumte Bergseen in türkisblauen Farben. Einige Holzbänke luden zum Innehalten ein. Wir ließen die wundervollen Eindrücke eine Weile auf uns wirken, bevor wir unseren Weg zum Dammkar fortsetzten.

Über 430 m Länge sprengten die Mittenwälder einen Bergtunnel von der »westlichen Karwendelspitze« zum »südlichen Karwendelkopf«, um für den Wintersport eine sichere Verbindung herzustellen. Diesen düsteren Tunnel galt es auch für uns zu passieren. Während die Außentemperatur angenehme 16° C aufwies, präsentierte sich das Innere des Berges als ein feucht-kaltes Kühlhaus. Überall tropfte Sickerwasser von den Felswänden. Gänsehaut bedeckte unsere sommerlich bekleideten Körper. Obwohl es uns im Berg arg fröstelte, empfanden wir die Durchquerung als ein weiteres kleines Abenteuer. Am Ende traten wir aus dem Holzverschlag am anderen Ende des Tunnels. Durch die Dunkelheit im Tunnel dauerte es noch einen Moment, bis sich unsere Augen wieder an den grellen Sonnenschein gewöhnten. Als wir dann die Landschaft deutlich erkennen konnten, raubte es uns den Atem.

Eine Landschaft wie auf einem fremden Planeten

Vor uns eröffnete sich das Dammkar. Eingebettet in gewaltigen Felswänden schieben sich unvorstellbare Mengen Fels und Geröll hinunter ins Tal. Manchmal hörten wir Steine von den Felswänden herabfallen. Da wurde uns klar, dass die Entstehung dieser Landschaft ein fortwährender Prozess ist. Den Felswänden sind wir daher unbedingt ferngeblieben. An schattigen Stellen sahen wir sogar im August noch vereinzelt Schneefelder. Auf dem felsigen Untergrund gedieh nur an wenigen Stellen ein spärlicher Bewuchs. Dieses führten wir auf die hohe Wasserdurchlässigkeit zurück. Die Szenerie im Dammkar wirkte wie eine Landschaft auf einem fremden Planeten und wir drei Abenteurer befanden uns mitten darin. Wir verspürten große Ehrfurcht vor der schöpferischen Kraft der Natur. Auch Hündin Paula war aufgeregt. Noch nie zuvor hat sie Derartiges erlebt.

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Der Abstieg durch das Dammkar gestaltete sich als eine körperliche und mentale Herausforderung. Ausgehend vom oberen Rand des Passamani Panoramaweges bis hinunter zum Wohnmobil würden wir auf ca. 9 km Wegstrecke bei abschnittsweise 40 % Gefälle annähernd 1500 Höhenmeter zurücklegen. Mit jedem Schritt geriet das Geröll unter den Füßen ins Rutschen. Wir mussten jeden Schritt sorgfältig wählen, um nicht auf die scharfkantigen Steine zu stürzen. Ich spürte meine Zehen, wie sie gegen die Schuhspitzen drückten. Das ließ nicht Gutes erahnen. Unsere Beine schmerzten von der Anstrengung und auch Paula hätte sicher einen anderen Untergrund für ihre Pfoten bevorzugt. Die Sonne brannte auf uns nieder. Je tiefer wir das Dammkar hinunterstiegen, desto höher kletterten die Temperaturen. Gelegentlich rasteten wir und ließen dabei die natürliche Schönheit der schroffen Gebirgslandschaft auf uns wirken. Bei 1650 m NHN erreichten wir schließlich die »Dammkarhütte«. Dort erfreuten wir uns an der Bewirtung und stärkten uns mit erfrischender Johannisbeerschorle und einer kleinen Mahlzeit für die letzten Kilometer hinab ins Tal.

Mittlerweile hatte die Sonne ihren Höchststand erreicht und sie schien großen Gefallen daran zu finden, uns die Johannisbeerschorle wieder durch die Schweißdrüsen zu entreißen. Glücklicherweise nahm unterhalb der Dammkarhütte die Vegetation deutlich zu. Zunächst liefen wir durch lichten Latschenkieferbewuchs. Dann folgten erste Nadelbäume und schließlich der ersehnte schattenspendende Mischwald. Unterdessen schmerzten uns die Beine, Füße und Pfoten sehr. Die Belastung steckte allen in den Knochen. Nach einer letzten Rast mobilisierten wir die verbliebenen Kräfte für den Endspurt.

Schmerz & Erschöpfung wichen dem Glücksgefühl

Zu guter Letzt erreichten wir erschöpft unser Wohnmobil auf dem Isarparkplatz. Ich hatte es im Schatten unter einem Baum abgestellt und so bot es uns im Innern trotz der sommerlichen Hitze angenehme Kühle. Noch etwas mehr Kühlung wünschte ich mir für meine brennenden Füße. Gespannt zog ich meine Wanderstiefel und die Socken aus. Dann begann ich zu zählen. 7 prall gefüllte Blasen zierten meine Füße wie die Warzen das Gesicht einer Hexe aus Grimms Märchen. Amüsiert präsentierte ich meine neuen »Souvenirs« Andrea, die erfreulicherweise ohne Blessuren blieb. Paula legte sich nach einer Stärkung gleich auf ihren Schlafplatz unter dem Tisch. Sie hatte sich ihre Zeit der Erholung wohlverdient. Unsere treue Hündin hatte Außergewöhnliches geleistet und war dabei ihrer Belastungsgrenze nahegekommen.

Am Abend ließen Andrea und ich den Tag nochmals Revue passieren. Obwohl uns ein kräftiger Muskelkater das Gefühl bescherte, als hätte uns eine Lawine überrollt, empfanden wir pures Glück für unsere Erlebnisse auf dieser anspruchsvollen Bergwanderung. Keiner von uns ist gestürzt. Abgesehen von meiner Blasenkollektion an den Füßen gab es keine Verletzungen zu beklagen. Wir sind auch heute noch stolz auf unsere körperlichen und mentalen Leistungen an diesem erinnerungswürdigen Tag im Karwendel.

Die Natur belohnte unsere Strapazen mit unvergesslichen Eindrücken und Erlebnissen. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse über unsere Leistungsfähigkeit haben unser Leben nachhaltig bereichert.

Mentor für eine naturnahe Lebensweise

Über den Autor

Frank Kaiser ist Motivationstrainer für persönliche und berufliche Entwicklung. Er hilft Menschen, über sich hinauszuwachsen und ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.